Gedanken

Eine alte Sehnsucht

Ich sollte in grünem Gewand kommen.

Sie legte sich in der Mitte des Raumes auf den Boden und bat mich, meine linke Hand auf ihr Herz und meine rechte auf ihre Stirn zu legen. Ich kniete mich neben sie. Sie schloss ihre Augen. Ich stimmte meinen Atem auf ihren ein.
Dann legte ich zuerst meine linke Hand mit der eurythmischen tastend-berührend-behütenden M-Gebärde auf ihr Herz.
Ich atmete weiter mit ihren Atemzügen. Dann legte ich meine rechte Hand mit der gleichen Intention auf ihre Stirn.
Über mehrere Minuten blieb ich in dieser äusseren und inneren Haltung.
Allmählich begann ein Strom zwischen meinen beiden Händen zu fließen, den nicht ich anregte, der dennoch durch mich lief.
Mein Bestreben war, diesem Fließen nichts Eigenes, keine eigenen Impulse hinzuzufügen.

In dem Augenblick, als das Fließen in mir spürbar wurde, begannen bei der Frau Tränen zu fließen. Nach weiteren Minuten des Weinens folgte eine Phase ohne Tränen, mit tiefen Atemzügen. Mein Atem verschmolz und eine lange Stille folgte.
Sie öffnete ihre Augen und sagte: „Danke! Vielen vielen Dank! Das habe ich mir mein ganzes Leben lang gewünscht.“

Mit diesen Worten setzte sie sich auf und putzte sich geräuschvoll die Nase.
Schweigend saßen wir noch ein paar Minuten beieinander auf dem Boden.
Dann stand sie auf, lächelte mich an und verließ mit einem kurzen Nicken den Raum.

In jedem Klang dieser Welt

Es liegt ein feines Geheimnis
in jeder Bewegung und in jedem Klang dieser Welt.
Diejenigen, die verstehen, können hören,
was der wehende Wind, die sich biegenden Bäume,
das rauschende Wasser, die summenden Fliegen,
die knarrenden Türen, der Gesang der Vögel,
der Klang der Saiten oder der Flöten,
das Seufzen der Kranken, das Stöhnen der Betrübten sagen …”

Ali al Khawas 9.Jhd

So lasst uns lauschen…..

Die Buche im Wald

Eine Frau, ca. 46jährig, fragt, ob ich mit ihr auch woanders hingehen würde, weg vom Johannishof. Sie wünscht sich, dass ich mich ganz in Weiß kleide.
Wir gehen schweigend Richtung Wald. Unterwegs fragt sie, ob ich auch bereit sei, noch weiter zu gehen. Ich bejahe. So gehen wir tiefer in den Wald,  in gemeinsamem Schweigen.

Unter einer hohen Buche bleibt sie stehen und atmet tief ein und aus.
Ich schließe mich in ihren Atem ein und warte.
Die Absicht meines Wartens ist kein Warten auf etwas, sondern ein Öffnen eines Raumes, in dem sich etwas entfalten kann. Nach einigen Minuten sagt sie: „Hier, unter diesem Baum habe ich meine beiden totgeborenen Kinder begraben.“
Stille. „Mein Mann sagt, ich sei verrückt, weil ich noch immer hier herkomme, um bei meinen Kindern zu sein.
Er meint, ich solle endlich damit aufhören. Aber – mir ist noch immer, als würde sie mich rufen.“   Stille.
„Glauben Sie, dass ich verrückt bin?“ „Nein“, sage ich.   Stille.  Sie weint – die Buche rauscht.  Stille.
Sie fragt, was sie machen könne.
Ich warte auf einen Gedanken, der nicht aus meinem Kopf kommt, sondern aus meinem Herzen. Stille.
Wir könnten vielleicht gemeinsam etwas für ihre Kinder machen, etwas wie ein Ritual, ein Gebet – damit alle drei zur Ruhe kommen können – die Kinder ebenso wie sie selbst.
Sie atmet tief ein und aus und nickt bedächtig.

Gemeinsam eurythmisieren wir ein Halleluja.

Seit  Jahren will  sie den beiden etwas sagen und weiß doch nicht was.
Sie hat plötzlich ganz klar, an welcher Stelle sie stehen wird und an welcher Stelle ich stehen soll.

Eine tiefe Welle von Dankbarkeit  durchströmt sie
und in ihr wächst eine Sehnsucht,
sich bei dem Baum zu bedanken und ihn zu bitten,
über die Körper ihrer Kinder zu wachen.
Ihr Gesichtsausdruck wird weicher, ihr Atem tiefer.
Die Buche rauscht.

Das Ritual, das sie wählt, ist:
Halleluja – Dank an das erste Kind und Verabschiedung,
Halleluja – Dank an das zweite Kind und Verabschiedung,
Halleluja – Dank an die Buche mit der Bitte, die Kinder zu behüten,
Gebet für die Schutzgeister ihrer Kinder:

„Geister eurer Seelen,
wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen meiner Seele bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen.
Dass, mit eurer Macht geeint, meine Bitte helfend strahle
den Seelen, die liebend sucht.“   (R. Steiner)

Wir hatten nichts vereinbart.
Die Reihenfolge entstand im gemeinsam lauschenden Tun.

Tief verneigen wir uns beide vor dem hohen Baum.

Anschließend bleiben wir noch einen Moment stehen.
Wir lehnen zusammen an der Buche, bevor wir schweigend den Rückweg antreten.

Am Johannishof angekommen, sagt die Frau lächelnd: „Ich glaube, jetzt kann ich mich endlich aus ganzem Herzen über meine 7-jährige Tochter freuen!“ und geht strahlend los, um das Mädchen aus der Kindergruppe abzuholen.
Am nächsten Tag sehe ich sie zum ersten Mal lachend mit ihrer Tochter an der Hand über den Hof laufen.

Dominic Barter

“Es geht nicht um die Lösung von Konflikten – es geht um die Heilung der Gemeinschaft!”

Marshall Rosenberg


“Tue nichts! nichts! nichts! was Du nicht tun kannst mit der Freude,
mit der ein kleines Kind hungrige Enten füttert!”

Wunschengel

Liebe umschließt im Augenblick
das ewig Gewordene
das ewig Seiende

Als Wunschengel habe ich mich jeden Moment mit den Menschen  als Zeugin ihres ureigenen Prozesses erlebt
und wurde dadurch Teil eines „Wir“.

Ich war Zeugin und Wächterin zugleich. Ich folgte dem Prozess der Menschen.

Bevor sie zu mir kamen, habe ich mich anhand ihres Namens mit meiner Aufmerksamkeit an den Engel der Menschen gewandt
und ihn um Unterstützung gebeten; und darum, mir Inspirationen zu schenken, die seinem Menschen dienlich und hilfreich sind.

Jede Begegnung begann mit meinem Lauschen. Die Menschen haben immer von sich aus angefangen zu sprechen und erzählt,
was sie sich wünschen. Ich habe keine Fragen nach den Gründen für Wünsche gestellt, nichts in Frage gestellt.

Während die Menschen sprachen, habe ich mich meiner eigenen Gedanken zu enthalten bemüht
und mich ganz auf das Zuhören des Anderen konzentriert.

Meine Intention war reine Präsenz und ununterbrochende Zuwendung.
Was immer von ihnen kam, war willkommen.
Gedanken und Analysen habe ich, sobald sie in mir erschienen,
bewusst aus meiner Aufmerksamkeit entlassen und mich dem Menschen innerlich wieder zugewandt.

Mein Atem war ein Mittel, mich auf mein Gegenüber einzustimmen.
Tendenziell habe ich tiefer geatmet als die Teilnehmer, um ihnen dadurch die Möglichkeit zu bahnen,
sich mit sich selbst in Ruhe zu verbinden.

In der Rolle des Wunschengels flossen meine unterschiedlichen Herzensanliegen zusammen:
Räume zu schaffen, in denen sich Menschen willkommen erleben,
die ihnen Freiraum für die eigene Entwickelung in eine neue Zukunft bieten.

Zudem wollte ich durch meine bewusste Präsenz Menschen Gehör schenken auf eine Weise,
die es ihnen ermöglicht, sich selbst gemeinsam mit mir als Zeugin zuzuhören
und dadurch Antworten auf ihre eigenen Fragen zu finden.

Fehler kommen nicht von “falsch”

“Fehler” kommt nicht von “falsch”. “Fehler” kommt von”fehlen”! Also lass uns gemeinsam herausfinden, was gefehlt hat: Zeit? Transparenz? Zusammenarbeit? Geduld? Mut? Klarheit?……?

Scroll to Top